
Augsburg steigt ein: Die neue Straßenbahn-Generation ist da
Es ist früh am Morgen, die Sonne wirft ihre ersten Strahlen auf den Straßenbahnbetriebshof in Augsburg. Zwischen Werkstatt und den Abstellgleisen steht sie: die Tramlink, die neue Straßenbahn der Stadtwerke Augsburg (swa). Silberfarben, elegant, und mit einem markanten grünen und roten Band unterhalb des Daches. Das Design ist als Sieger aus einer öffentlichen Abstimmung hervorgegangen. Ein Fahrzeug, das nicht nur den öffentlichen Nahverkehr der Stadt modernisiert – sondern ihn neu definiert. Ende März haben die Stadtwerke die Zulassung von der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB) für die Tramlink erhalten, die die Grundlage für den Fahrgastbetrieb ab Mitte April bildet.
Eine neue Ära für Fahrgäste und Fahrer
Die Tramlink ist nicht nur neu und elegant, sie hat auch in Sachen Komfort und Technik einiges zu bieten. Die Straßenbahn ist 42 Meter lang, über zwei Meter breit und mit einer Einstiegshöhe von durchgehend 31 Zentimetern niederflurig. Für einen schnellen Fahrgastwechsel ist sie mit breiten Gängen, sieben Türen und zwei Multifunktionsbereichen, mit Platz für Rollstühle, Kinderwagen und Rollatoren, ausgestattet. Mit 86 Sitzplätzen und 145 Stehplätzen finden insgesamt über 230 Fahrgäste Platz. „Es ist ein sehr angenehmes Fahrzeug und der Fahrkomfort hat sich deutlich erhöht, da es ruhiger und geräuscharmer läuft“, erklärt Klaus Röder, swa Geschäftsbereichsleiter Fahrzeuge. Seit vielen Jahren ist er für die swa tätig und hat schon einige Straßenbahnen beschafft und wieder verkauft.
Die Innenraumgestaltung trägt die Handschrift der swa: viel Licht, das swa-Blau sowie dezente Pattern-Elemente. Moderne LED‑Lichtführung sorgt tageszeitgesteuert für eine angenehme Atmosphäre - morgens und abends eher warmes Weißlicht, tagsüber eher kühleres Licht. „Die Fahrgäste können sich auf einen optimal gestalteten Innenraum freuen“, berichtet Röder. „Vor allem durch die Anordnung der Haltestangen und Fahrscheinentwerter sowie der Haptik der Haltestangen ist die neue Straßenbahn sehr ergonomisch.“ Zudem verfügt sie über USB-Ladeanschlüsse, vergrößerte Türdurchgänge an erster und letzter Tür sowie eine energiesparende Fahrgast-Heiz-Klima-Anlage und Belüftung, mit einer Messung von CO2 sowie Temperatur innen und außen. Doch auch das Fahrpersonal profitiert: neue ergonomische Sitze, Kühlfächer, ein verbesserter Arbeitsplatz und klare Anzeigen für besonders energiesparendes Fahren, machen das Fahren jetzt noch angenehmer.
Die neuen Fahrzeuge erfüllen sämtliche Anforderungen an Crashverhalten, Brandschutz und technische Sicherheit. Ein Rückspiegelkamerasystem ersetzt die traditionellen Außenspiegel und eine elektrisch ausfahrbare Rampe wird zur Spaltüberbrückung verwendet. Sie besitzt eine Fahrzeughöhe von 3,5 Metern und eine Höchstgeschwindigkeit 70 km/h. Von insgesamt 15 Straßenbahnen werden elf mit 40 Prozent und die vier Weiteren mit 25 Prozent vom Freistaat Bayern gefördert. Ein Fahrzeug kostet knapp 4 Millionen Euro.
Von Valencia nach Augsburg: Eine Reise der besonderen Art
Besonders beeindruckend ist der Weg, den jede Bahn hinter sich hat. Die Fertigung beim Hersteller Stadler erfolgt in Valencia. „Bei jedem Fahrzeug gibt es beim Hersteller in Valencia eine Werksabnahme. Erst danach werden sie zu uns transportiert“, betont Röder. Doch für den Transport müssen die 52 Tonnen schweren Bahnen in Einzelteile zerlegt werden. Auf einem Schwerlasttransporter ging es nach Santander und per Schiff über den Seeweg nach Brügge. Schließlich wurde die Tramlink mit zwei Sattelschleppern weiter bis nach Augsburg transportiert. Hier baut die swa-Straßenbahnwerkstatt die Fahrzeuge wieder zusammen – ein Prozess, der Präzision und Erfahrung erfordert.
Die erste Bahn sollte ursprünglich 2022 kommen. Doch Corona, der Krieg in der Ukraine und unterbrochene Lieferketten führten zu Verzögerungen. Die erste Tramlink wurde im August 2023 geliefert. Es folgten zahlreiche Tests: Bremsprüfungen, Eingleisübungen mit der Feuerwehr, Schlepp- und Schiebetests sowie echte Testfahrten im Netz – inklusive der anspruchsvollen Bremsleistung am Perlachberg. Daraus abgeleitet wurde die Technik vom Hersteller Stadler für Augsburg optimiert und die Straßenbahnen für ihren Einsatz im Fahrgastbetrieb vorbereitet. „Wir hatten einen Verzug von zwei Jahren. Das ist bei solchen Projekten nicht unüblich“, berichtet Röder. „Wichtiger ist in erster Linie immer die Sicherheit. Die Bahn wird auf Herz und Nieren geprüft – ohne Ausnahme, ohne Restzweifel.“
Warum neue Straßenbahnen – und warum jetzt?
Die neuen Fahrzeuge ersetzen die fast 30 Jahre alten GT6-Modelle. Deren Kapazität reicht in den Hauptverkehrszeiten längst nicht mehr aus. Und auch technisch ist in den letzten drei Jahrzehnten viel passiert. „Die GT6 ist einfach zu klein, zu alt – und die neuen Fahrzeuge bieten sowohl technisch als auch vom Komfort her enorme Verbesserungen,“ erklärt Röder. Los ging es mit einem umfassendem Beschaffungsmarketing: Welche Hersteller sind überhaupt geeignet? Welche technischen Anforderungen müssen erfüllt werden? Workshops mit Firmen folgten, anschließend das technische Lastenheft und schließlich die europaweite Ausschreibung. Nach einer Bewertung mit einem genauen Punktesystem und unterschiedlichen Kriterien erhielt die Firma Stadler den Zuschlag. „Es geht immer um das wirtschaftlich und technisch beste Gesamtkonzept“, so Röder.
Fotos: Martin Augsburger; swa/Thomas Hosemann






