
Einsteigen, lernen, losfahren: Hinter den Kulissen der Tramlink-Schulung
Noch steht die Tramlink still im Straßenbahnbetriebshof – glänzend, modern, fast ein wenig fremd. Walter und Michael, beide ursprünglich Kombifahrer für Bus und Straßenbahn und heute Verkehrsmeister bei den Stadtwerken Augsburg (swa), treten näher und schauen neugierig in die Fahrerkabine. Hier sollen sie bald sitzen, Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen. Doch bevor sie losfahren können, müssen sie lernen, die neue Fahrzeugtechnik zu verstehen.
Michael streicht mit der Hand über das Bedienpult, während Walter sich in den Fahrersitz lehnt. Sein Blick wandert über das Display – viele Symbole, viele neue Anzeigen. Was bedeuten die weißen und gelben Knöpfe? Und was lässt sich alles mit dem Display steuern? Heute steht bei Walter und Michael die Fahrerschulung für das neue Straßenbahnmodell an. In kleinen Gruppen lernen jeweils fünf der rund 300 Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer bei den swa an zwei Tagen das neue System kennen. Neben dem Theorieteil mit Infos zur Bauform, den Bremsen oder den Kurvenradien des Modells darf auch ausreichend Fahrpraxis nicht fehlen.
Ein Modell mit neuen Dimensionen
Seit einigen Wochen ist die Tramlink auch im Fahrgastbetrieb unterwegs. Die neue silberfarbene Bahn mit einem weißen und einem roten Streifen ist 42 Meter lang, 52 Tonnen schwer und für bis zu 230 Fahrgäste ausgelegt. Sie ersetzt die fast 30 Jahre alten GT6-Modelle, die verkauft wurden und künftig in Zagreb Fahrgäste befördern. Während die neue Straßenbahn für die Fahrgäste vor allem mehr Kapazität und Komfort bedeutet, muss das Fahrpersonal das Fahren mit der Tramlink erst einmal lernen. „Wir haben eine komplett neue Fahrzeugbedienung mit einer Sicherheitsfahrschaltung, die in unseren bisherigen Fahrzeugen nicht vorhanden war“, erklärt Robert Kratzsch, Leiter der swa Fahrschule. Bereits seit 20 Jahren ist er bei den swa, früher als Kombifahrer für Bus und Straßenbahn, heute als Fahrlehrer.
Eine Sicherheitsfahrschaltung bedeutet, dass der Fahrer oder die Fahrerin in einem festgelegten Zeitintervall eine bestimmte Taste drücken muss - sonst bleibt das Fahrzeug nach zwölf Sekunden stehen. So stellt das System sicher, dass das Fahrpersonal einsatzfähig ist. „Die Sicherheitsfahrschaltung läuft gedanklich immer mit, du musst einen neuen Rhythmus entwickeln, sonst steht die Bahn schneller, als dir lieb ist“, erklärt Michael. Walter nickt und ergänzt: „Vor allem bei den ersten Schulungsfahrten vergisst man manchmal die neue Handhabung – da ist höchste Konzentration gefragt.“
Das Multifunktionsdisplay – das Herzstück der Tramlink
Neben der Sicherheitsfahrschaltung gibt es auch in der Fahrerkabine viele Neuerungen: Rückspiegelkameras mit Toten-Winkel-Assistenten oder einem Assistenzsystem zur Vermeidung von Auffahrunfällen. „Die Fahrerkabine wirkt auf den ersten Blick modern und richtig komfortabel – bedient wird das Fahrzeug über ein Multifunktionsdisplay. Es vermittelt viele Infos zum Fahrzeug – am Anfang ist es aber noch etwas gewöhnungsbedürftig“, beschreibt Walter.
Während die beiden weiter durch die Anzeigen scrollen, wird klar, wie zentral das Display für den Arbeitsalltag ist. In der Mitte der Kabine, genau vor dem Fahrersitz, befindet sich das Multifunktionsdisplay. Auf einem dunklen Hintergrund sind graue Felder zu erkennen, die verschiedene Symbole, wie einen Kinderwagen oder Rollstuhl, zeigen. Per Knopfdruck kann dann beispielsweise die Rampe für Rollstühle ausgefahren werden. Auf einer Skala in Blau beziehungsweise Orange werden die Bremse und Fahrleitung angezeigt. Warnsymbole in grellem Gelb oder Rot sind nicht zu übersehen. Die Untermenüs des Displays bearbeiten die Teilnehmenden vor der ersten Fahrt, damit die Straßenbahn dann sicher bedient werden kann. Michael bringt es auf den Punkt: „Man wird von der neuen Technik gefordert: du musst gleichzeitig fahren, auf den Verkehr achten und das Multifunktionsdisplay immer im Blick haben.“
Fahrgastnotsprechstellen für mehr Sicherheit in der Straßenbahn
Beim Einsteigen finden Fahrgäste ab der zweiten Tür, gleich rechts neben der Haltestange, Notfallsprecheinrichtungen. Ein rotes Symbol mit einem weißen Telefon macht darauf aufmerksam. Per Knopfdruck kann der Fahrgast im absoluten Notfall direkt mit dem Fahrpersonal sprechen – egal, wo er sich in der Straßenbahn befindet. „Die Fahrgäste können über die Notsprecheinrichtung jetzt schneller mit dem Fahrpersonal Kontakt aufnehmen – das ist gut“, stellt Michael klar. Kratzsch weist auf die Schwierigkeiten hin: „Je nach Verkehrslage oder der Situation auf der Straße kann der Fahrer oder die Fahrerin nicht sofort antworten.“
Am Ende der Schulung steht für alle fest: Die Tramlink bringt frischen Wind auf die Schienen – für Fahrgäste genauso wie für das Fahrpersonal. Noch braucht es etwas Übung und ein Gefühl für die neue Technik und die Abläufe. „Wenn man sich einmal eingearbeitet hat, macht es richtig Spaß, die Tramlink mit der neuen Technik durch die Stadt zu fahren“, bestätigt Walter. Und wenn die Türen sich schließen und die Bahn ruhig durch die Stadt gleitet, wird schnell klar – die Zukunft der Mobilität ist längst angekommen.






