Mit 50 Tonnen durch die Stadt

In der Fahrschule lernen angehende Straßenbahnfahrer, die Stahlkolosse sicher durch die Stadt zu fahren. Es kommt vor allem auf Weitblick und ein gefühlvolles Händchen an.

„Alle festhalten! Gefahrenbremsung!“ Ausbilder Richard Lutz umgreift fest die Haltestange neben der vordersten Türe. Fahrschüler Willi zieht mit seiner linken Hand den Sollwertgeber der Straßenbahn schnell nach hinten. Ein Ruck geht durch die Tram, die Insassen haben Mühe, sich festzuhalten. Nach gut 20 Metern steht das Schienenfahrzeug. „Guad is ganga, Willi“, lobt Richard Lutz. Schon geht es weiter die Haunstetter Straße stadtauswärts. Mit an Bord: fünf Straßenbahnfahrer in Ausbildung.

Richard Lutz ist seit gut zehn Jahren Ausbilder bei der AVG. Seit 30 Jahren fährt er Straßenbahn. Zusammen mit fünf Kollegen bildet er heute junge Menschen, Busfahrer und Quereinsteiger zu Straßenbahnfahrern aus – mit allem was dazu gehört: Theorie und Praxis.

Kleine gelbe Bremsversicherung

Während Willi die Straßenbahn an die nächste Kreuzung heranfährt, erklärt der erfahrene Ausbilder, dass sein Schüler sich hier nicht darauf verlassen dürfe, dass auch wirklich kein Fahrzeug quert – obwohl Willis Signalanlage auf „Fahren“ steht. Denn Rechtsabbieger übersehen schon mal die rote Ampel und fahren vor die herannahende Straßenbahn. „Als Straßenbahnfahrer muss man immer auch für die anderen mitdenken – mehr als andere Verkehrsteilnehmer“, Richard Lutz. Seinen gelben Steuerungsschalter hält er stets fest in seiner Hand. Die Augen wendet er nie von der Straße ab: Klingeln, Bremsen, Gefahrenbremsung. Drei kleine Knöpfe, die das Fahrzeug auch dann zum Stehen bringen, wenn der Fahrschüler einmal nicht richtig handeln sollte.

Ausweichen? Auf Schienen geht das nicht!

Vorausschauendes Fahren. Das ist es, was Willi und seinen neun Kollegen, die aktuell die Straßenbahnfahrschule besuchen, von ihrem Ausbilder Richard Lutz als wichtigste Regel mit auf den Weg gegeben wird. Denn: Bei Bus oder Auto kann man schon mal einen Schlenker machen, um einem Radfahrer oder Fußgänger mit Stöpseln im Ohr auszuweichen. Bei der Straßenbahn geht das nicht.

Betrachtet man den Bremsweg einer Straßenbahn, dann versteht man auch warum: Ein voll beladener CityFlex kommt auf etwa 70 Tonnen. Bei optimalen Umständen – Trockenheit, kein Laub oder Schnee auf den Gleisen – braucht sie bei einer Gefahrenbremsung etwa 40 Meter bis sie steht. Das entspricht genau der Fahrzeuglänge. Da hat ein Fahrer kaum eine Chance, auf plötzlich auftauchende Gefahren zu reagieren. Die muss er schon vorher kommen sehen. Zumal es gilt, den Steuerungshebel möglichst gefühlvoll nach vorne – fahren – und nach hinten – bremsen – zu bewegen, damit die Fahrgäste nicht „durchgeschüttelt“ werden.

Wie auf Linie – nur ohne Fahrgäste

Jeden Tag sitzen die angehenden Straßenbahnfahrer im Cockpit und „mogeln“ sich zwischen den normalen Linienverkehr. Anfahren, abbremsen, Durchsagen machen – wie im normalen Alltag, nur eben ohne Fahrgäste.

Links, rechts, unten, oben: In der Straßenbahn alles im Blick

Bei ihrer Ausbildungsfahrt durch Augsburg lernen die angehenden Straßenbahnfahrer Gefahrenbereiche und solche, in denen sie besonders gut aufpassen müssen, kennen. Sie werden daran gewöhnt, nicht nur nach unten, vorne und zur Seite, sondern auch nach oben zu schauen: Denn wichtige Informationen für Straßenbahnfahrer, etwa die Geschwindigkeitsbegrenzung, sind an den Fahrdrähten angebracht. Und sie lernen die technischen Besonder- und Eigenheiten eines jeden Fahrzeugs kennen, das bei den swa im Einsatz ist. Wenn eine Störmeldung erscheint, müssen die Fahrer sofort wissen, wo sie wie hinlangen oder wie sie reagieren müssen.

Theoretischer Unterricht: Technik pur

Deswegen gleicht der Theorieunterricht in keiner Weise dem, wie man ihn vom Pkw kennt: Die Schüler müssen neben neuen Verkehrszeichen viele technische Details lernen. Richard Lutz nutzt Begriffe wie „Ablösestellung“, „Lauffahrwerk“ oder „Motorengruppenschalter“. Während Außenstehende nur die Stirn runzeln können, nicken die angehenden Straßenbahnfahrer zustimmend. Zwei Stunden jeden Morgen in der rund achtwöchigen Ausbildung steht der Theorieunterricht auf dem Stundenplan. Erst dann geht es an die Fahrzeuge.

Ausbildung zum Kombifahrer

Allerdings haben die Teilnehmer einen kleinen Wissensvorsprung. Denn die Gruppe ist nicht ganz neu im „Personenbeförderungsgeschäft“. Allesamt sind sie bereits als Busfahrer auf Linie unterwegs und lassen sich nun zum sogenannten Kombifahrer ausbilden. So können sie flexibel auf Bussen und Straßenbahnen eingesetzt werden. Wenn beispielsweise Straßenbahnschienen erneuert werden, dann können die Straßenbahnfahrer den Schienenersatzverkehr lenken.

Am Ende der achtwöchigen Ausbildung beweisen die Anwärter, was sie gelernt haben: Nach der theoretischen und der praktischen Prüfung geht es ab auf Linie. Zunächst noch drei Wochen in Begleitung eines erfahrenen Kollegen – ab dann sind sie allein verantwortlich für ihre Sicherheit und vor allem die Sicherheit ihrer Fahrgäste und aller Verkehrsteilnehmer.

Mit der Kutsche in den Stall

Nach acht Stunden Ausbildung geht es für die Truppe zurück in den Straßenbahnbetriebshof in der Baumgartnerstraße. Dort, wo 1881 die erste Pferdebahn los ritt, um Fahrgäste von A nach B zu kutschieren, werden noch heute die Straßenbahnen abgestellt, gewartet, geputzt und repariert. Vielleicht beendet Richard Lutz auch deswegen den Ausbildungstag mit den Worten: „Jetzt fahren wir zurück in den Stall – Feierabend.“

Update: alle haben bestanden

Die Mitarbeiter, die wir für unsere Reportage in der Mitfahrgelesenheit, dem Fahgastmagazin der Stadtwerke Augsburg, begleitet haben, haben allesamt ihre Prüfung erfolgreich bestanden. Wir wünschen eine allzeit sichere Fahrt – mit ihren 50 Tonnen durch die Stadt.

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